BlogontheCock #9

Es ist die zweite Augustwoche, und Christine sagt

noch immer nichts. Ich torkel aus dem Rollberg-Kino durch Neukölln, denn ich habe mir große Säle abgewöhnt, seit ich allein bin. Ich verabschiede mich von meiner Begleitung, reflektiere lieber allein und schicke ihn fort. Ich kaufe mir beim Späti ein Bier und wander still die Reuterstraße hoch, lasse mich vor einem Backsteinkoloss nieder und starre auf eine schnatternde Party Crowd, die diese Nacht ewig machen will. Sobald die Sommertemperaturen das zulassen, leiden die Leute bereits wochentags unter dem FOMO-Fieber (Fear of Missing out, erklärte mein transsexueller Nachbar, respektive Nachbarin). Hier vorm Silver Future wird laut geredet, als wär es nicht Mitternacht, und lauthals gelacht, als gebe es Schreckliches zu verdrängen. Nur, mit wem streite ich jetzt über Trance?

Wo ist sie heut abend, und findet sie es schön dort? Wenn sie hier wäre, wär das wie damals? In der Hitze der Nacht spüle ich OREO-Krümel mit Bier durch den Mund und führe ein betörendes Selbstgespräch über Danny Boyle, aber keiner unterbricht mich. Christines Meinung zu Rosario Dawson, die einfach nicht über ihre ernsthafte Schönheit hinweg kommt, bleibt unausgesprochen. James McAvoy, der seit zehn Jahren den immergleichen Jungen spielt, wird heut von Keiner schöngeredet.

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Und dann natürlich Danny Boyle, unser beider Held, der immer und immer besser wurde, nachdem er mit Kleine Morde unter Freunden den Pief aus dem britischen Kino fegte und mit Trainspotting alles in Brand setzte… Auf Parties wurde zum Soundtrack geknutscht, Ewan McGregor hing an meiner Wand, ich kleidete mich wie Diane und mein erster Freund sah aus wie Sick Boy, für mich zumindest. Trainspotting läutete Cool Britannia auf der Leinwand ein, das war 1996, das waren wir, und jeder spürte, dass es nie wieder so richtig richtig werden würde. Wir behielten Recht. Denn während Oasis und Pulp und the Verve kopiert und vergessen wurden (Christine würde natürlich Spice Girls und All Saints dazu zählen), erstarrte das neue britische Kino, fand keine Nachahmer, nur die Großen bleiben unangetastet und landen im Museum.

— Und dort betrachtete Boyle sein Jugendwerk, 15 Jahre älter und international gefeiert, angekommen, mit nem Babe und nem Oscar unterm Arm, und dachte sich scheinbar: Vielleicht krieg ich das nochmal hin. Alte Tricks abgestaubt, selbstverliebte Kamerabewegungen, im Herzschlag des vergangenen Jahrtausends, neon und zotig. Das Resultat ist Trance, und weshalb nun der Blick zurück gerichtet wird, nachdem 28 Tage später und Sunshine und 127 Stunden neues Terrain eroberten__   Man will es eigentlich nicht wissen und vergessen und freut sich auf den nächsten Boyle, den hier verzeihe ich, den lass ich ihm.

Christine würde das ja alles lieben, würde es trippy nennen, und mutig, und überladen auf eine gute Art. Einfach schon, um zu widersprechen. Die kleine Sau, sie wird so sehr vermisst. Ich lasse den Schlüssel aufs Parkett knallen, plumpse im meinen Sessel, zünde mir eine FRED an und höre auf dem Anrufbeantworter: „Der neue Boyle ist scheußlich. Lass uns treffen.“

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diese Woche auch neu im Kino:

Sébastian Lelio, Gloria mit Paulina García

Gore Verbinski, Lone Ranger mit Johnny Depp

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BlogontheCock #8

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Es ist die erste Augustwoche, und Christine sagt,

… einen Scheiß sagt sie. Sie ließ sich verschlucken von der Idee, nicht mehr allein zu sein, lag auf ihm, amüsierte sich über sein Körperglucksen, seine Schweißfüße, das niedliche Schnarchen, über seine hohe Stirn und die kurzen Ärmchen. Ein Abenteuer, in das sie sich allein stürzte, ohne mich.

Nach all den Jahren, in denen unsre Männer kamen und gingen und Alex geboren wurde und meine nicht-versicherte Wohnung unter Wasser stand und Michael und Whitney starben (lebt Prince eigentlich noch?), all diese schlagenden Wetter haben uns nichts anhaben können. Woher das plötzliche Bedürfnis nach 08/15-Beziehung, nach Ausschluss der Öffentlichkeit und Ernst: Weshalb in unserem Alter noch erwachsen werden? Sie hat es mir nicht erklärt. Dick und alt, so ließ ließ sie mich zurück, und sieh, was ich inzwischen  b i n  und nicht mehr abwerfen kann.

Ich setzte mich, atmete tief aus und ließ mir Flügel wachsen. Wie besessen fertigte ich Listen über Kinoeinspiel-Ergebnisse (Jahrgänge 1950-89, die anderen hatte ich schon), ich machte Schnittchen für die Hochwasser-Helfer in Sachsen-Anhalt und ich entdeckte Kleist. Ich sagte Nein zu Heroin in Wien, tanzte im //:aboutblank unter freiem Nachthimmel zu abscheulichem Elektro, sammelte Telefonnummern von Schwulis ein und nahm mir den einen Hetero mit nach Hause. Ich paddelte im Kajak, holte mir die erste Geschlechtskrankheit, entdeckte neue Fältchen und alte Shirts. Ich improvisierte, verliebte mich in mich selbst, und konnte nicht aufhören zu grinsen. Ich entdeckte mich neu, die Haltlosigkeit schenkte mir einen Körper, der nicht mir gehörte, sondern nur in den Blicken der Anderen existierte. Ich war, völlig ungewollt und plötzlich, frei.

Doch die Sommermonate wuschen über mich und ließen meine Haut noch paler erscheinen. Ich hatte mein Spiegelbild verloren, und wusste nicht mehr, wie ich wirklich aussah. Dann fiel ich in den Kinosessel und sah Greta Gerwig in Noah Baumbachs Frances Ha. Mitnichten der erste Film um ein nicht mehr ganz junges Ding in der Großstadt, aber der erste über eine große Liebe zwischen Freundinnen, die sich verlieren. „Wie zwei alte Lesben, die keinen Sex mehr haben“, analysiert Stings Tochter Mickey (die eine Christine spielt), und ich bin Greta, die zu David Bowie durch die Straßen grätscht und der keine Peinlichkeit erspart bleibt im Kampf gegen Bedeutungslosigkeit und Alltag. Frances ist plump und grazil, sowohl Brumme als auch Elfe, in jedem Fall aber undatable. Eine schwierige Prinzessin, die sich zielstrebig ins Flugzeug nach Paris setzt, um dort ahnungslos in die dunkle Seine zu blicken.

Aber all das erzähle ich Christine nicht, denn sie ist fort.

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diese Woche auch neu im Kino:

James Wan, Conjuring mit Lili Taylor

Éric Rochant, Die Möbius-Affäre mit Jean Dujardin

BlogontheCock #7

Es ist die dritte Aprilwoche, und Christine sagt,

Alex habe sie für „Raus“ erklärt. Er meine damit, sie sei zu alt, um die Sprache unsrer Zeit zu dechiffrieren, das Wispern des Windes zu verstehen, und ihre Freundschaft mit mir fuße eh auf der gemeinsamen Ablehnung gegenüber der Welt nach 1999. Oder, wie er es ausdrückte: „Du bist raus.“

„Ich weigere mich, mich alt zu fühlen“, hör ich sie durchs Telefon schnaufen, und ich erinnere sie daran, ihr abgeraten zu haben, mit ihrem Sohn die MTV Movie Awards zu sehen. Will man mit einem Sechzehnjährigen wirklich darüber streiten, dass die ‚Besten Filme des Jahres‘ eben nicht Avengers, The Dark Knight Rises, Django Unchained, Silver Linings und Ted heißen? Will man all die Stunden im Kino und die Nächte über Filmliteratur an einem stoisch-schweigsamen Emo-Äffchen verschwenden? Und ich frage das voller Zuneigung für ihn… Ich jedenfalls fühle mich nicht ertappt, auch wenn ich, allein Füße lackierend und Wostok-rülpsend, die Verleihung nur schwer atmend erdulde.

Ach, was soll’s: MICH REGT DAS AUF! Vor nicht allzu langer Zeit (so zwei Jahrzehnte) triumphierten Meisterwerke wie Terminator 2 oder Pulp Fiction oder Sieben, die edgy und originär waren und ein neues Zeitalter begründeten. Die Neunziger rockten, das wussten wir schon damals. Flash Forward, 20 Jahre später – – – und die Preisträger lesen sich wie eine Aufreihung zelluloidaler Zeitverschwendung:

MTV Movie Award 2013: Avengers (Oscar ging an Argo)

MTV Movie Award 2012: Twilight 4 (Oscar ging an The Artist)

MTV Movie Award 2011: Twilight 3 (Oscar ging an Die Rede des Königs)

MTV Movie Award 2010: Twilight 2 (Oscar ging an Tödliches Kommando)

MTV Movie Award 2009: Twilight (Oscar ging an Slumdog Millionär)

Es ist einfach wider die Natur, dass weißhaarige Hollywood-Millionäre erfrischenderes Filmmaterial küren als ihre Enkelgeneration, da kann doch was nicht stimmen. Und bevor ich mich über Uli Hoeneß oder die Frauenquote echauffiere, was ich mit Christine (immer noch an der Strippe, nicht vergessen) durchaus tun könnte, frei vom Koksspiegel weg – weshalb nicht über etwas, das nicht schon morgen vergessen ist? Zum Beispiel Jugendkultur. Über meine im Barnim’schen Randgebiet Berlins, oder über Christines (etwas weiter zurück liegende) in Mecklenburg, über unsere kollektive Jugend, die dank MTV in den gleichen Farben schillerte wie die der pubertierenden Kids in America. Gut, sagen wir, die Unterschiede waren marginal.

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Damals (jaa, ich benutze dieses Wort), ja damals gab es keine Hollywood-Stars in unserer Altersgruppe – außer Joey Lawrence oder Alicia Silverstone fallen mir gar keine Teenies ein… und die Karrieren der beiden waren mit 20 beendet, wie es sich gehörte. Erst wer 30 war, war sexy und verdiente sich sein BRAVO-Poster. Heute muss es 20minus sein, und das ist unfair. Uns gegenüber, mein ich. Da hilft auch keine Rebel Wilson, die ihren Plüsch-Koala Clamydia „Bit of a Slut“ schimpft und Nordkoreas Präsidenten Lil‘ Kim grüßt, und Aubrey Plaza hätte nicht Will Ferrells Ehrenpreis klauen, sondern ihm eine runterhauen sollen. Muss Taylor Lautner seine Fanta auf der Bühne ausschlürfen? Und wer erklärt Danny McBride, dass er dröge ist? Und…. gnaaah!!

Ich bin raus!

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diese Woche neu im Kino:

Andrés Muschietti, Mama mit Jessica Chastain

Anne Fletcher, Unterwegs mit Mum mit Barbra Streisand

BlogontheCock #6

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Es ist die zweite Aprilwoche, und Christine sagt,

am Ende sitzt die Katze neben der einsamen Frau. Christine recherchiert nicht ihr unumgängliches Schicksal im Kaffesatz, sondern betrachtet Alpen im Nebel und Martina Gedecks unbeeindrucktes Stieren auf Die Wand. Ohne mich, ich schlief ein, wie bei jedem neuen Prestigeprojekt für Gedeck, unserer Meryl Streep, unserer Madonnenschauspierlerin, der keine historische Figur und keine Romanheldin heilig ist. An welchem Punkt der Handlung ich einnickte, ist schwer festzustellen, da mein kluger Körper in nur 15 Minuten auf Stand-by ging, offenbar um meinen Geist zu schonen.

Weshalb aber die Gedeck-Folter, hatte jemand eine Wette gewonnen? Nö, all dies ist Vorbereitung für die Lola-Verleihung in zwei Wochen, die glitzernde Nacht unsrer maroden Filmnation: Münchner Pailletten, gelangweilte Leihblondinen, Matthias Schweighöfers Lipgloss, ferngesteuerte Laudatoren, und die Tro-phä-e, gönnerhaft serviert auf einem Steuergeld-Scheck bis zu 500.000 Euro – Christine und ich lieben die Show zu Tode!

Vor allem, da der BUNDESFILMPREIS, den man so herrrlüsch hitlern konnte, inzwischen ja LOLA heißt und von einer „Filmakademie“ vergeben wird, der selbsternannten Crème des deutschen Kinos, die das farblose Zelluloid und die Quatschromanzen in den heimischen Kinosälen zu verantworten hat. Sie sollte sich schämen, und tut es offenbar auch, was wieder einmal ein Gros von Auslandsproduktionen in den wichtigen Kategorien erklärt:

Deshalb war für das österreichische Die Wand der Anschluss ans Deutsche Reich unausweichlich, auch Australiens Oscar-Export Lore findet sich in Lolas germanischem Schein wieder, und der großformatige Wolkenatlas führt gar die Liste der meistnominierten DEUTSCHfilme an – gedreht von den Matrix-Schöpfern, besetzt mit den Oscar-Gewinnern Tom Hanks, Halle Berry und Jim Broadbent, kein deutsches Wort in drei langen Stunden… egal. Es waren deutsche Euros, die in die Produktion flossen. Alles unsers!! Und alles besser, als nochmal einen blutleeren John Rabe als heißesten Scheiß zu prämieren.

Christine und ich sind uns einig, dass wir keinen weiteren Gedanken an Hannah Arendt, Quellen des Lebens oder deren selbstversessenen Regisseuren vergeuden wollen, aber wir wanken, ob der sechste Nominierte triumphieren sollte: Oh Boy als durch und durch künstliche Nachtaufnahme, die drollig-doof von einem Berliner Studi mit geringsten Mitteln runtergefilmt wurde und vergangenen Winter mit hipsteriger Gleichmut das Zehnfache seiner Kosten wieder einspielte, ohne den Top 10 der Kino-Charts auch nur nahe zu kommen. Gute filmhistorische Pointe, jedoch etwas wenig Fleisch am Gerippe. Am Film und Tom Schilling.

Nein, dann lieber das dralle Nazi-Mädel in Lore, das kunstvoll-brutale Märchen über einen aufrecht deutschen Backfisch, der durch den finstren Wald der Stunde Null geistert in ständiger Todesangst um ihre kleinen Geschwister. Was hier an Filmkunstwerk schauernd über den Zuschauer hereinbricht ist so selten im deutschen Kino, dass das australische Team hinter der Kamera vergessen werden sollte. Lore mag kein deutscher Film sein, aber er i s t Deutschland im Film. Und dafür erhebe ich meine Fernbedienung.

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diese Woche neu im Kino:

Joseph Kosinski, Oblivion mit Tom Cruise

Sally Potter, Ginger und Rosa mit Elle Fanning

BlogontheCock #5

Es ist die erste Aprilwoche,

und Christine sagt, sie erschrecke manchmal vor ihrem eigenen Mundgeruch. Selten genug, um zahnärztlichen Rat zu erbitten, aber trotzdem gnatscht sie unentwegt Zahnpflegekaugummis, Mikrogranulat hin oder her. In Zeiten wie diesen müssten Prioritäten gesetzt werden, so sieht’s aus, und reißt einen weiteren Umzugskarton auf. Einen Keller voller Kisten hinterließ er mir („Brauch ich nicht mehr, kannst wegschmeißen.“ – „Nein, fick d i c h !“), aber Müll zu töten baut keinen Hass ab. Wären es Modellautos, oder Familienalben…

Fünfundzwanzig Kartons, gefüllt mit VHS, ein Jahrhundertviertel Pornogeschichte: Knallbunte Videohüllen mit jungen Mädchen, aufgedonnert wie alte Frauen, die wie junge Mädchen posieren, traurig und großartig. Ich erzähle Christine, wie ich ihm irgendwann das hochpornöse Shortbus zeigte, wie wir danach mitgenommen waren, und scharf. Wie ich ihn wund küsste, geräuschvoll Bisswunden zufügte, ihm seine Calvin auseinander riss um an sein Fleisch zu kommen, und er mich______  an-brüll-te?! Mit einer Armbewegung von sich runterschob und auf die weißen Schlüpperfetzen zeigte, die aus seiner Hose hingen. „Cowboy, die kostet einen Zehner! Ne Nutte nimmt mehr“, fand er auch nicht witzig und ging zum Kühlschrank. Jupp, die animalische Flitte in mir hatte sich versteckt zu halten, die Botschaft war angekommen, natürlich ging’s nicht um Unterwäsche.

Wir träumen vom Fliegen, meint Christine, von der Aufhebung physikalischer Gesetze. Nur, wenn es wirklich passiert, wir plötzlich abheben, dann kackt sich der Eine oder Andre schon mal ein. Ich frage sie nicht, ob sie sein Verhalten relativieren will. Ich war schließlich nicht Samara aus Der Ring, die ihm aus dem Plasma-TV entgegenkrabbelt und entmannen wollte. Heut schon, damals nicht. „ICH kacke mir NICHT ein!“, schnaufts aus mir heraus.

Wir haben so selten Gelegenheit, an einer Leidenschaft teil zu haben, die Wilde oder Geliebte oder Zerstochene zu sein, dass wir jeden Tropfen aus jeder Begegnung quetschen sollten. Dieses Sich-Verlieren, ob in rauschhaften Lesemarathons, kalten Koksnächten oder eben überteuerten Schlüpfergummis, das ist die Vorwärtsbewegung meines Lebens: In Lichtgeschwindigkeit um mich selbst drehend, im Schneckentempo voran. Ich will das, auch weil ich es kann. Die energiesparende Alternative dazu wäre eine mutlosere Selbstinszenierung, die Alternative wäre Twilight zu gucken, wenn ich auch Beautiful Creatures haben könnte.

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Richard LaGravenese wusste genau, welchen Dreck er verfilmte, und reizte die Genre-Grenzen genüsslich aus, von übersteuerten Bilderfluten bis hin zum Oscar-prämierten Ensemble, das sich scheinbar an Shakespeare abarbeitet. Creatures bietet Amüsement, wo sich Dark Shadows letztes Jahr im Klamauk verlor, und eine emotionale Dringlichkeit, die ich nur ansatzweise im ersten der Twilight-Filme erahnen konnte, und doch wird der Film einem größeren Publikum unbekannt bleiben, egal ob er cleverer und unterhaltsamer als der gefällige Teen-Romantasy-Schmonz der letzten Jahre ist. Das macht ihn zu einem Schatz.

Ich sage Ja zum erdbeermundigen Alder Ehrenreich, der seine Screentime zelebriert, als wäre es der letzte Film seines Lebens. Ich sage Ja zu Auseinandersetzungen, die Wolkenbrüche verursachen, und Küsse, die in Flammen aufgehen. Ich sage Ja zu Jungs, die mit Bukowski-Lektüre verwegene Mädchen wie Alice Englert beeindrucken wollen. Und wenn dies alles in einer vermeintlichen John-Hughes-Hommage in Teen-Witch-Gestalt filmisch vereint ist, so sei es.

Auch ich kenne den Dreck, aus dem mein Film besteht, und ich spüre, dass er beim Abspann wie schnödes Twilight schmecken und die Jahre an mir vorbei pullern könnten, wenn ich nicht Acht gebe und glitzerndes Beautiful Creatures drüber schmiere. Ja, in Zeiten wie diesen müssen Prioritäten gesetzt werden. Ich knipse das Kellerlicht aus und trödel mit Christine durch die kühle Samstagssonne.

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diese Woche auch neu im Kino:

Niels Arden Oplev, Dead Man Down mit Colin Farrell

Seth Gordon, Der unglaubliche Burt Wonderstone mit Steve Carrell

BlogontheCock #4

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Es ist die vierte Märzwoche,

und Christine sagt, die ersten sechs Wochen seien die schlimmsten. Es sind nur noch 10 Tage bis dahin – heißt, die quellenden Schmerzen werden dann nicht mehr bei jedem Schritt aus meiner Mitte sprudeln? Kein Geschmack von Tränen mehr in meinem Mund, kein Tasten mehr nachts nach Wärme auf der kalten Bettseite? Das hoffe ich, denn, weißt du, Sterne sehen nicht mehr hübsch aus, wenn sie auf dich nieder prasseln und tiefe Wunden ins Fleisch schlagen.

Irgendwo hallt seine Stimme, und den angeschwemmten Tagträumen bin ich ausgeliefert. Er ist jetzt weg, und ich bin hier. Irgendwann kommt er zurück, und alles wird schön, wie es war. Wenn er mich nicht mehr liebt, müssen wir eben warten… bis ich ihn auch nicht mehr liebe, oder er mich wieder liebt. Aber ich will nicht loslassen, solang der Himmel noch weh tut. Noch glüht der Kern, auch wenn der Vulkan erkaltet scheint, ungefährlich, eine Touristenattraktion.

Jahrzehnt für Jahrzehnt gab es Geschichten wie diese, nur war keine so formvollendet und tief empfunden wie unsre, natürlich. Leinwandformatig, mit kraftvollem Soundgebilde und effizienter Regieführung – bis es zum letzten Drittel kam, das kann kaum einer. Am Ende nur die lange Reflexion, ein Abschied mit blauen Flecken und ein trotziges Aufbäumen gegen die Zeit. Es ist das Sitzenbleiben in einem Wagen mit leerem Tank, die Stille vor dem Aussteigen. Unsere Blicke treffen sich, kein Herzschlag setzt aus. Keine Bitternis, es ist die Süße gefallener Früchte, die den Raum füllt. Gut, verschieben wir uns auf ein andermal. Die Basare Istanbuls und die Straßen Shanghais und die tiefen Täler Schottlands, die liegen vor uns, die warten. Wir werden groß sein und staunend in die geschlagenen Krater blicken, neu beginnen in anderthalb Ewigkeiten.

Wir nehmen unsere Köpfe in die Hände, schauen uns an, erkennen uns nicht mehr. Lass uns schnell laufen in entgegen gesetzte Richtungen, dass wir uns bald wiederfinden, strahlend und weinend in die Arme fallen und alles wieder gut ist. Los, renne! Und fall unterwegs nicht hin und bleib mir wohlgesonnen, weil ich auf dich warte, grau und verkümmert, und immer 21 im Herzen, wie du mich zuerst gefunden hast, denn so werde ich bleiben.

Wir halten Hände. Aber nicht mehr heute. Ich stehle mich jetzt aus diesem Moment.

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diese Woche neu im Kino:

Thomas Vinterberg, Die Jagd mit Mads Mikkelsen

Seth Gordon, Voll abgezockt mit Melissa McCarthy

BlogontheCock #3

Es ist die dritte Märzwoche, und Christine sagt:

„Frolleinchen, du hast meinen Vortrag über sein Œuvre gar nicht nötig, kinosüchtig wie du bist. Und was soll ich dich überreden, ich meine, deine Refresher wirken eh nicht mehr, mein Barmann ruft auch erst morgen an, und wir sind eh zu aufgekratzt fürs Bett, also lass uns jetzt rüberstapfen zur Kinemathek!“

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„Jetzt komm mir nicht mit H o l l y w o o d – Schnickschnack, Marty ist ein Versager, schillernd und unter Einfluss, der seit 40 Jahren Kino für Unsergleichen schafft, die Wollenden und Nichtkönnenden, vor der Bedeutungslosigkeit Flüchtenden. Erinner dich an Alice lebt hier nicht mehr, der handelt von einer Träumerin, die sich am Beginn ihrer Gesangskarriere wähnt (jupp, fühl dich ruhig ertappt), und in King of Comedy fordert ein Psycho sein Recht auf eine TV-Show ein… ok, das war ein Eigentor.“

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„Jetzt schlotter nicht rum, zieh die Nase hoch und stell dir vor: Da sitzt er mit 28, die Zeit mit Assistentenjobs im bankrotten Hollywood vertrödelnd, abends in siffigen Diners mit anderen Möchtegerns herumhängend, die alle ihren Weg in die Verbotene Stadt suchen – plötzlich macht es !PENG!, und sein Kumpel Francis revolutioniert mit Der Pate das Weltkino, Jubel, Trubel, Neubeginn, nur Einer stellt fest: „Sie haben die Crack-Nutten vergessen.“ Die Corleones haben nichts mit seinen Mafia-Friendos in New York gemein, und es treibt ihn die Idee eines Anti-Paten. Er leiht sich also eine Kamera, stellt zwei Jungs aus der Nachbarschaft, Robert De Niro und Harvey Keitel, davor und blickt in sein finstres Herz: Hexenkessel wird ein Trip, ein Fiebertraum ohne Handlung, dafür mit penetrantem Soundtrack, harten Schnitten, aufdringlichen Schauspielern – all dies sprengte die Sehgewohnheiten in Zeiten von Vietnam und Watergate.“

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„Es war das Jahr, in dem man sich bei Sonntagsnachmittagshorror wie Der weiße Hai und dem Omen vergnügte, als Taxi Driver wie ein reißend-kalter Sonnenstich über die Leinwände zuckte. Im Auge des Orkans der geschundene Travis Brickle, ein Herumirrender auf dem selbstgeschaffenen Minenfeld, ein Sünder am Abgrund, der sich selbst nicht entkommt. Verstehst du, er entkam nicht. Marty war mit 33 der heißeste Scheiß, hatte Millionen auf dem Konto, Jünger in den Straßen, Drogen im System, und hielt sich für den neuen Roberto Rossellini, den jungen Vincente Minnelli, nur weil er mit deren Töchtern Isabella und Liza in die Kiste sprang. Er verkackte es, er verlor nach und nach seine Reputation, Kreditwürdigkeit, Gesundheit, und schwitzte und kotzte zuckendes Zelluloid: Ein Jahrzehnt der Auflösung voller verstörender, unbarmherziger Filme, während die Achtziger doch nur nach Rambo oder Indiana Jones verlangten.“

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„Er war nicht mehr derselbe, als Die Farbe des Geldes dank Tom Cruise, damals noch Wichsvorlage, zum 100-Millionen-Hit wurde, und Hollywood klingelte ein zweites Mal an: Unter dem Hochdruck der letzten Chance förderte er unerwartete Diamanten, blutspritzend, scheu lächelnd, Epen des Regelbrechens und -befolgens, Lektionen aus Hollywood. Sein ganzes Können vereinte sich im bilder-schauernden Sog von Casino, seiner Götterdämmerung, dem Film seines Lebens. Es blieb nichts mehr hinzuzufügen, also verliebte er sich mit 55, gewann mit 65 den Oscar und ist heute… Gott.“

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„Ja, nein, komm mir jetzt nicht mit Kundun oder Gangs of New York oder Hugo Cabret, ich sagte doch, es gab für ihn nichts hinzuzufügen. Seine Filme machen heut 300 Millionen und mehr, schön für ihn, aber ich bevorzuge die alten Streifen, wie Zeit der Unschuld, mit sandstrahlenden Blicken von Winona Ryder, der hochgeschlossenen Sinnlichkeit von Daniel Day-Lewis, einem New York in stahlharter Spitze, vielleicht dem großartigsten Film über zwei Frischverheiratete und die Verlockungen, die immer erst nach der Hochzeit auftauchen… und wenn wir in der einzigen Stadt Deutschlands leben, die uns an diesem brechend kalten Morgen eine Scorsese-Restrospektive bietet, dann sagen wir..?“

Ja.

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diese Woche neu im Kino:

Ulrich Seidl, Paradies: Glaube mit Maria Hofstätter

Chris Sanders, Die Croods von DreamWorks